Dienstag, 8. November 2016

Attitüde oder Attitude? Oder: Elka Sloan propagiert einen Anglizismus

Zu diesem Post gibt es noch einen Nachtrag unter http://elkasloan.blogspot.com/2018/02/nachtrag-attitude-is-word.html



Unter diesem Link findet man einen Artikel, der mit "Attitüde" überschrieben ist, und darin wird erklärt, wie man die richtige Attitüde entwickeln kann, mit der man dann im Beruf weiterkommt.

Ich will hier gar nicht auf den Inhalt eingehen, denn der ist nicht besser und nicht schlechter als andere vergleichbare Ratgeber-Texte. Worum es mir geht, ist das Wort Attitüde.

Was ist das für ein Wort? Das Ü zeigt an, dass es vor längerer Zeit aus dem Französischen in unsere Sprache eingewandert ist. Im Französischen heißt es Körperhaltung, vor allem im Ballett und bei der Beschreibung von künstlerischen Darstellungen des menschlichen Körpers.

Es wird aber auch metaphorisch mit der Bedeutung Geisteshaltung, Einstellung gebraucht. In beiden Bedeutungen ist es in der Zeit zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und der Französischen Revolution ins Deutsche gekommen. Der deutsche Adel orientierte sich in dieser Zeit an der französischen Hofhaltung – jeder Duodezfürst ein kleiner Sonnenkönig – das ist für das weitere Verständnis wichtig. Man sprach im Adel Französisch; das bekannteste Beispiel ist Friedrich II von Preußen, von dem überliefert ist, dass er die französische Sprache wesentlich besser beherrschte als die deutsche.

Der Gebrauch der französischen Sprache durch die deutsche Oberschicht wurde zunächst von Gelehrten, später auch von Sozialkritikern kritisiert und persifliert, und da machte das Wort Attitüde einen Bedeutungswandel durch und beschrieb eine “bewusst eingenommene, gekünstelte, körperliche Haltung, affektiv wirkende Geste”. So stand es jedenfalls noch in Meyers Deutschem Wörterbuch von 1979. Man sieht sie vor sich, die aufgedonnerten Höflinge mit ihren Damen unter (flohverseuchten) Perücken, wie sie mit Spitzentüchlein wedelnd ihre Menuette tanzen.

Heute wandern die Wörter aus Nordamerika bei uns ein, und da begegnet uns das Word attitude wieder – diesmal eigentlich ganz anders ausgesprochen, aber mit dem Ü wars ja schon da. Jedenfalls hatte die englische Version dieses früher natürlich mal lateinischen Wortes nicht den gleichen soziologischen Werdegang wie die französisch-stämmige Attitüde durchgemacht, bevor es zu uns kam.

Das Wort war in den USA bis in die Siebzigerjahre neutral, bis es der rebellischere Teil der US-amerikanischen Schwarzenbewegung für sich entdeckte. Googeln Sie "Nigger (oder Nigga) with attitude", abgekürzt auch NWA, und Sie sind im Bilde. Es beschreibt eine "I'm-not-takin'-any-shit-from-you"-Haltung, die man als SchreiberIn  eines Karriereratgebers vielleicht nicht unbedingt insinuieren möchte.

Aber das Wort existiert in seiner neutralen Bedeutung weiter; man denke an die Luxusuhren-Werbung, in der verschiedene Prominente unter dem Satz "Elegance is an attitude" zu sehen waren. Unser Karriere-Ratgeber zitiert einen australischen Musikprofessor, der bei analytischer Betrachtung der Karrieren seiner Schüler festgestellt hat, es sei die "Attitüde" gewesen, die die Spreu der Erfolglosen vom Weizen der Erfolgreichen getrennt habe.

Es geht dann nach guter Ratgeber-Art weiter mit einer Liste von "Attitüden", die angeblich die wahren Innovatoren ausmachten. Zum Schluss steht die Aufforderung "Attitüde, Baby!"

Dieser Ausruf kommt nun wieder zweifelsohne aus dem Rapper-Milieu, und das Ü darin wirkt irgendwie deplatziert – oder geht das nur mir so?

Wir haben ja schon den Banquier zum Banker gemacht, und das Appartement zum Apartment - warum sollten wir dann nicht die Attitüde zur Attitude machen - also: Mut zum Angliszimus, vor allem dann, wenn das vermeintlich deutsche Wort ein Gallizismus ist, der einmal auf dem blankpolierten Parkett der Fürstenhöfe zu uns geschlittert gekommen ist.

Zu diesem Post gibt es noch einen Nachtrag unter http://elkasloan.blogspot.com/2018/02/nachtrag-attitude-is-word.html